Hallo zusammen,
mit ein bisschen Verspätung gehts jetzt wieder "normal" weiter. Das nächste Kapitel aus
"Stobel und die Antwort vom Wind".
hätte viel länger ausfallen können. Es beinhaltet die Rolle der Zivis. Leider habe ich nicht so viel Rücklauf von ihnen erhalten, was ich aber auch akzeptiere. Es war doch immer eine enge Verbindung zwischen den jungen "Männern". Nichts desto trotz ist es ein schönes Kapitel geworden.
Danach noch ein Auszug aus dem Kapitel, in dem eine besondere Lehrer Schüler Beziehung gezeigt wird. Eine ganz wichtige Zeit, in der auch wir und ich denke auch die Lehrer, die nicht direkt daran beteiligt waren, einiges gelernt haben.
Also dann viel Spaß.
Es geht los. Ein Zivi auf Urlaub könnte man das Kapitel auch überschreiben. Müllers nehmen mich mit nach Fuerteventura, einfach so, ohne dass es von jemandem finanziert wird. Bezahlt aus ihrer eigenen Tasche. Es ist einfach wichtig für sie, mit der ganzen Familie einen gemeinsamen Urlaub zu machen. Gemeinsam lachen, spielen, Sonne genießen, alles vergessen, was sie zu Hause bedrückt. So wie früher schaffen sie es nicht mehr. Arbeiten und dabei den ganzen Stress mit der Krankheit. Da müssen sie ab und zu einfach mal raus. Die Krankheit mit dem schrecklichen Namen Neurofibromatose greift immer mehr um sich. Stobels Arme funktionieren nicht mehr richtig, und genau das ist mein Job. Ich bin seine Arme. Muss eigentlich immer nur da sein und hier und da etwas helfen. Inzwischen ist eine richtige Freundschaft entstanden.
Eigentlich ist es ja ganz schön teuer, mich mitzunehmen. Müllers bezahlen den Flug, die Verpflegung und sogar ein kleines Taschengeld springt dabei heraus. Dabei kommt es mir überhaupt nicht auf das Geld an, Stobel ist mir richtig ans Herz gewachsen. Auch Frederik, sein großer Bruder, und überhaupt die ganze Familie – sie alle sind zu einem wichtigen Punkt in meinem Leben geworden.
So hatte ich mir das nicht vorgestellt, als ich mich entschied, Zivi zu werden. Eigentlich wollte ich nur nicht zur Bundeswehr, sondern lieber in der Nähe von zu Hause etwas sinnvolles machen. Lernen, mit dem Gewehr auf andere Menschen zu schießen, wollte ich nicht. Also habe ich mich direkt bei ihnen beworben. Papa Müller hat mir mal erzählt, wie das am Anfang war. Sie hatten ja nicht immer einen Zivi.
Alleine schaffen wir es nicht mehr, so dachte er damals. Also haben sie sich nach Unterstützung umgeschaut. Keiner konnte so recht helfen, so etwas gab es ja nicht oft. Internet gab es zu der Zeit auch nicht, so dass man mal kurz gegoogelt hätte. Was tun? Eines Tages fuhren sie durch den Nachbarort und sahen einen Zivi, der in einem Auto vom Roten Kreuz durch das Dorf fuhr. Der wurde kurzerhand verfolgt. Als er dann stehen blieb, haben sie nach seiner Dienststelle, seinen Aufgaben und danach gefragt, wie er denn zu der Stelle gekommen sei. Mein Chef, der damals auch für uns Zivis zuständig war, machte es schnell und unbürokratisch möglich, dass Müllers Hilfe bekamen. Jetzt hat sich schon alles eingespielt. Wenn man den Wehrdienst verweigert, stellt man sich bei den Müllers vor und wenn die einen dann nehmen wollen, bekommt man die Stelle beim Roten Kreuz. So bin ich froh, nach einigen Vorgängern, nun meine Zivildienstzeit bei Stobel absolvieren zu dürfen.
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Heimbeschulung Friedrich:
Jetzt sitze ich hier in meinem 200er Diesel, den schon viele meiner Schüler belächelt haben. Ja, der Friedrich, der nun schon etwas graue Kaiser-Wilhelm-Bart und der alte Diesel, das sind nun schon viele Jahre meine Erkennungszeichen. Erkennungszeichen für einen Lehrer, der inzwischen schon viele Erfahrungen gesammelt hat.
Anders als damals bei meiner ersten Klasse.
Ich war jung und unerfahren, mit einem „jungen“ Kaiser-Wilhelm-Bart und einem neuen 200er Diesel, der nur wenige Kilometer auf dem Tacho hatte.
"Meine neue Klasse", mit der ich noch viel erleben sollte. Marlene, auch eine meiner ersten Schülerinnen, war wissbegierig, zielstrebig und konnte genaue, logische Schlüsse ziehen. Das war es, was mir an ihr gefiel. Es machte ihr Spaß, sich in Mathematik mit mir zu messen.
Dirk, den ich in Physik und Chemie in einer anderen Klasse unterrichtete, war eher ein Lebemensch, auch wissbegierig, aber längst nicht so zielstrebig. Ganz unterschiedliche junge Menschen.
Als ich erfuhr, dass die beiden heiraten, war ich sehr überrascht, dass gerade die zwei zueinander gefunden hatten.
Durch die regelmäßigen Klassentreffen "meiner" ersten Klasse blieb ich immer auf dem Laufenden. Erfuhr von der Krankheit und den vielen Problemen und Sorgen, die die junge Familie plagten. Oft überlegte ich, wie man helfen könnte, fand aber keine Möglichkeit. Vielleicht hatte ich auch nicht den Mut, einfach hin zu gehen und zu fragen.
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Schnell spürt man seinen eigenen Kopf und den starken Willen. Manchmal fühle ich mich wie auf dem Prüfstand. Habe ich mir auch sorgfältig genug überlegt, wie die Aufgaben am besten gestellt werden? Ist der Aufbau sinnvoll? Sind es die richtigen Beispiele? Fragen, die ich mir schon lange nicht mehr so gestellt habe.
Er fasst Probleme schnell auf, analysiert sie und findet rasch die Lösungen. Er erinnert mich sehr an seine Mutter. Überrascht bin ich von seinem hohen Selbstwertgefühl. Kaum zu glauben, dass es der schwerkranke Stobel ist, von dem mir berichtet wurde. Die Krankheit, die Behinderungen, die Schmerzen, alles wird, soweit es geht, zur Seite gestellt und die volle Konzentration ist beim Schulstoff.
Unterrichtsstunde um Unterrichtsstunde vergehen, Tage, Wochen, Monate gehen ins Land. Manchmal ist Stobel munter und fröhlich, aber manchmal auch ernst, und er wird von Schmerzen gequält. Er ist sehr kritisch, manchmal sogar pingelig genau und immer zielstrebig. Bei schriftlichen Überprüfungen ist er nur mit der Note 1 oder 2+ so richtig zufrieden. Er legt Wert auf eine übersichtliche Ausführung der Aufgaben und eine ordentliche Heftführung. Ordnung und Disziplin spielen eine große Rolle in seinem Leben. Dadurch erspart er sich zum Beispiel, Dinge suchen oder vergessene Sachen holen zu müssen. Nur so kann er wohl Kraft und Energie bewahren, die er für seinen Kampf gegen die Krankheit braucht.
Später einmal, so sagt er, will er auf eigenen Füßen stehen, mit einem guten Beruf eigenes Geld verdienen. Vor ein paar Monaten noch unvorstellbar für mich. Jetzt, da ich den Kämpfer kennengelernt habe, traue ich es ihm zu. Unsere Wege trennen sich nun wieder. Gemeinsam haben die Müllers beschlossen, etwas anderes zu versuchen. Die wenigen Stunden reichen nicht aus, um einen Abschluss zu schaffen. Sie haben eine Schule für körperbehinderte Menschen gefunden. Leider kann man dort nur den Hauptschulabschluss machen, was ihn unterfordern wird. Sicherlich ist es aber die richtige Entscheidung. Zu wichtig sind der Kontakt zu gleichaltrigen Kindern und das Erleben der Gemeinschaft.
Jetzt bleibt uns nur noch das Abschlussgespräch. Ich sage sinngemäß zu ihm:
„In dem Dreivierteljahr, das nun hinter uns liegt, hatten wir in unseren Mathematikstunden viel Spaß. Auf Deinen Wunsch kamen auch noch die beiden Fächer Physik und Chemie dazu. So langsam wurdest Du immer stabiler. Jetzt kannst Du in eine Schule für Körperbehinderte wechseln. Endlich wieder mit Gleichaltrigen zusammen sein. Es wird mir fehlen, Dich zu unterrichten, zu erleben, welche Energie und welcher Wille in Dir stecken. Vieles konnte ich von Dir lernen, gar manches sieht jetzt in meinem Leben anders aus. Werte sind verschoben und Ziele anders gesetzt. Für mich war die Zeit mit Dir ein Gewinn, und ich bin dankbar, dass ich Dich begleiten durfte, Stobel. Geh weiter Deinen Weg.“
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Die nächsten Auszüge Ende Mai..
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